Lao Zi...
Kleine Hinleitung zur
Interlinearen und etymologischen Darstellung der Sätze 1 und 2 des Lao Zi, De Jing (Mawangdui-Fassung)
Thomas Hoppe
Die Rezeption des Buches Lao Zi (Lao Tzu, Lao Tse) oder Dao De Jing (Tao Te Ching, auch De Dao Jing) hat in den letzten drei Jahrzehnten zwei grosse neue Anstösse und damit Neuorientierungen erfahren, einmal durch das Auffinden der Mawangdui-Texte 1973 (erste Veröffentlichung 1976) und dann durch die Guodian-Funde von 1993 (erste Veröffentlichung 1998). Die Mawangdui-Texte wurden im Westen zunächst mit grosser Skepsis behandelt. Erst ihre Übersetzung durch D.C. Lau und Henricks brach das Eis. Noch erschütternder dürfte sich aber für die gesamte Lao Zi Rezeption auf lange Sicht der sehr viel kürzere und ganz anders angeordnete Fund von Guodian, bestehend aus drei Teilen A, B und C auswirken. Er wird es langfristig wahrscheinlich ermöglichen, einen von nicht-daoistischen Beimengungen freien Urtext zu konstituieren.
Im Sommer 1996 bearbeitete ich nach langen Vorbereitungen gemeinsam mit meinem Freund Wei Maoping, Shanghai, einige Kapitel des Lao Zi (wenn man an der Kapitelzählung des tradierten Textes und seiner Übersetzungen festhält) in der hier wiedergegebenen Form. Da 1996 die Guodian-Funde noch nicht veröffentlicht waren, stützte sich unsere Arbeit auf die beiden Mawangdui-Texte a und b. Unser Ziel war 1996 primär, eine völlig neue philologische Methode der Rezeption und Auslegung des Textes auszuprobieren, die das `Übersetzen' in eine andere Sprache und Schriftform als die der Abfassungszeit zwar nicht völlig überflüssig macht, aber doch auf den Rang eines (zu vermeidenden, `schlechten') Hilfsmittels stellt.
Äusserlich gesehen war das Hauptziel unserer Darstellung, einen Leser, der nicht des Chinesischen kundig ist, zu befähigen, das Original zu lesen und zu verstehen. Es sollte keine Übersetzung sein, oder die Übersetzung, die wir ja auch geben, sollte nurmehr eine Zwischenstufe darstellen, nach der der Leser (Rezipient) wieder in den Originaltext zurückkehren kann. Damit ist scheinbar nur der Nicht-Chinese oder der Nicht-Sinologe angesprochen. Das ist jedoch nicht gemeint! Wir glauben, dass auch sinologisch ausgebildete Spezialisten (gleich ob in China oder in anderen Ländern), indem sie immer wieder versuchen, ihrem Verständnis und ihrer Rezeption des Textes in Übersetzungen (gleich in welcher Sprache) Ausdruck zu geben, einfach fehlgehen. Es ist notwendig, im Originaltext zu bleiben. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter, weil wir meinen, es genügt auch nicht, den Text im kaishu (den nicht vereinfachten Schriftzeichen) oder den Kurzzeichen zu lesen, sondern man sollte den Text soweit irgend möglich in den Schriftzeichen der vermuteten Abfassungszeit lesen, auf unsren Textblättern in den Formen der Grossen Siegelschrift (gS).
Wir haben uns dabei zweier Methoden bedient:
a) der interlinearen Darstellung des semantischen Gehalts der einzelnen Zeichen verbunden mit einfachen, allgemein verständlichen Hinweisen zur grammatischen Struktur der Sätze.
b) der Rückverfolgung der Bedeutungsentwicklung und der Schriftzeichenentwicklung, d.h. des graphischen Bildes von den ersten Schriftzeichen auf Orakelknochen und Schildkrötenpanzern bis zu den heutigen Kurzzeichen, wie sie in der Volksrepublik verwendet werden. Was die semasiologische Ebene angeht, so interessiert natürlich nicht die moderne Bedeutung der Schriftzeichen oder ihre Bedeutung um die Zeitenwende, sondern einerseits die der vermuteten Abfassungszeit des 5./4. Jahrhunderts v. Chr., anderseits die frühen Phänomene des Bedeutungswandels (und piktographischen Wandels), die auf die Bedeutungen zur Abfassungszeit hinauslaufen.
Das Ganze bezeichnen wir als eine interlineare und etymologische Darstellung des Lao Zi, hier zunächst nur der beiden ersten Sätze aus dem 38. Kapitel der traditionellen Zählung . Es ist der Anfang des Dejing und damit des Gesamttextes, wie er in den Mawangdui-Texten vor uns liegt.
Das wiederholte Übersetzen des Lao Zi in einen grammatikalisch korrekten, fliessenden Text in einer beliebigen Zielsprache, sei es ins moderne Umgangs-Chinesisch oder auch in Fremdsprachen wie das Englische und Deutsche geschieht ja fortlaufend und ist unserer Meinung nach eher schädlich oder unsinnig. Moderne Chinesen können, wenn ihnen eine Übertragung ins moderne Chinesisch geboten wird, in den originalen Text (d.h. meist ist es der Text in der kaishu-Form) zurückgehen (ob sie das wirklich tun, wissen wir nicht). Dem Nicht-Chinesen ist das in der Regel verwehrt.
Wir »übersetzen« in unserer Darstellung auch: die erste Ebene der Übersetzung ist die interlineare, d.h. Zeichen für Zeichen (Wort für Wort) vorgehende, Darstellung des semasiologischen Inhalts und seines etymologischen Hintergrundes (des Bedeutungswandels inkl. graphematischen Wandels) eines Schriftzeichnes von den ersten verfügbaren Formen bis zur von uns vermuteten Abfassungszeit des Lao Zi um 400 v. Chr (oder früher 450-400). Es folgt dann die agrammatische, aneinander gereihte Verknüpfung der einzelnen Worte und schliesslich zwei ausformulierte (uns möglich erscheinende) Übersetzungsvarianten. Der Kommentar, den wir auf der jeweils rechten Seite geben, ist im Grunde auch eine Übersetzungs- und Verständigungshilfe, also auch ein dem Leser bereitgestelltes Hilfsmittel der Rezeption. Aber wir betrachten diese Stufen nur als Mittel, als Zwischenstufen, um (immer wieder) in den Originaltext, sei es im kaishu oder in älteren Schriftformen zurückzukehren.
Um sich zu orientieren, kann man natürlich auf gängige Übersetzungen ins Deutsche, Englische, Französische o.a. zurückgreifen. Übersetzungen, die der Leser konsultieren kann sind z.B. T.C. Lau (transl., ed.): Lao Tzu: Tao Te Ching (Penguin Classics 1963 und folgende Auflagen) für die traditionelle Textüberlieferung und ders.: Chinese Classics Tao Te Ching, Hongkong, Hongkong University Press, 1989 (revised edition, in der er die auf der traditionellen Textüberlieferung basierende Übersetzung und seine neue, auf den Mawangdui Texten basierende nebeneinander stellt.), Robert G. Henricks (transl., ed.): Lao-Tzu. Te-Tao Ching, A translation of the Ma-wang-dui manuscripts, pre-dating other texts by five centuries. Rider, London etc. 1990/1991 und folgende Auflagen (jetzt bei Ballantine Books herausgegeben); Roger T. Ames ; David L. Hall (transl., ed.) Daodejing. «Making This Life Significant«. Ballantine Books, New York, 2003. (Dieser Text verspricht im Untertitel auf die Guodian-Texte einzugehen, tut das aber nur in marginaler Form) Und für eine erste Bewertung der Guodian-Funde: Robert G. Henricks: Lao Tzu' Tao Te Ching. A Translation of the Startling New Documents Found at Guodian, 2000, Columbia University Press ). Eine sehr detaillierte Arbeit ist die Dissertation (Universität Trier) von Ansgar Gerstner über den Lao Zi mit einer detaillierten Übersetzung sowohl des tradierten Textes, als auch der beiden Mawangdui-Texte und der Guodian-Funde (www.ub.dok.uni-trier/diss/diss27/20010129/20010129/htm).
Es bleibt die Frage, inwieweit wir alle durch die schon vorliegenden Übersetzungen (auch wenn wir sie nur »Orientierung« benutzen) beeinflusst sind, uns also von der bisherigen Tradition im Umgang mit diesem Text nur sehr schwer freimachen können. Das gilt auch für unseren Versuch der Darstellung.
Wir haben während der Arbeit vor allem auf die Übersetzung des tradierten Textes (tradierter Text heisst die Wang Bi-Ausgabe) von D.C.Lau und auf die Konstitution des Originals und die Übersetzung der Mawangdui-Texte von Henricks (1990) zurückgegriffen. Trotzdem ist es etwas völlig anderes, was wir wollten.
Zur Orientierung: Die Textüberlieferung und Lebensdaten
Vermutete Entstehungszeit des Kerntextes (Urtextes) um 450-400 v. Chr. Wenn der Verfasser Zeitgenosse des Konfuzius war, liegt die Entstehungszeit des Kerntextes früher 520-470. Die Belege hierfür sind schwach, halblegendär.
350- 275 v. Chr.[hypothetisch: Konjekturen aus verschiedenen Schulen und Geistesrichtungen, zu dem angenommenen Kerntext. Öffentlichkeitswirksame Ausbildung einer früh-daoistischen Schule durch Yang Zhu vor 350 v. Chr. ?]
Guodian-Texte um 300 v. Chr. Sie enthalten nur einzelne Kapitel oder Teile von Kapiteln des tradierten Textes, etwa 2/5 des tradierten Textes; (Details bei : Jörn Jacobs, Textstudium des Lao Zi. Daodejing, S. 228-233, Frankfurt/M. etc. Peter Lang, 2001, und Henricks 2000, Gerstner 2001). Die Texte waren 1996 noch nicht publiziert und sind in unserer Bearbeitung noch nicht verwendet. Die Guodian-Texte geben Hinweise auf eine frühe Form des Textes Lao Zi, die später in den Mawangdui-Texten (um 200 v. Chr.) bereits durch Konjekturen ergänzt (verfälscht, aufgebläht) erscheint.
In dem Buch Zhuang Zi, verfaßt ca. 300-280 v.Chr., Zitate aus Lao Zi; Lao Dan (Lao Zi) und Guan Yin, der Passaufseher, für den Lao Zi der Legende nach den Text des Dao De Jing schrieb, figurieren als Begründer einer früh-daoistischen Schule (Kap.33)
In der Schrift Han Fei Zi um ca. 250 v. Chr. in zwei Kapiteln teilweise Wiedergabe des Lao Zi (korrelierbar mit den Guodian-Funden. Manche Textteile erscheinen sowohl im Han Fei Zi, als auch in den Guodian-Texten, andere nur im Han Fei Zi, andere nur in den Guodian Funden. Kap. 38 gibt es nicht unter den Guodian-Funden, jedoch im Han Fei Zi.) Zeitgleich weitere Zitate aus einem Text Lao Zi im Zhan Guo Ce, Lü Shi Chun Qiu.
In dem Werk Huainan Zi nach 250 v.Chr.: Zitate aus Lao Zi (Kap. 12)
Mawangdui-Text »a«, Grabung 1973: kopiert vor 206 v. Chr. (d.h. es kann sich um eine Kopie aus der Zeit um 250 v. Chr. ?? handeln)
Mawangdui-Text »b«, Grabung 1973: kopiert vor 179 v.Chr. (wie oben)
Vollständiger Text, weitgehend dem tradierten Text entsprechend, unterteilt in De Jing und Dao Jing. De Jing steht vor dem Dao Jing.
[Um 100 v. Chr. Erwähnung des Lao Zi als Zeitgenosse des Konfuzius im Shi Ji, Grundzüge seiner Lehre und Beschreibung der Ungewissheiten um seine Person (»ein im Verborgenen lebender Weiser«). Hervorhebung der antikonfuzianischen Haltung. Schule der Daoisten (dao jia) beschrieben.]
Unterteilung des Gesamtcorpus des Lao Zi in 81 Kap. im 1. Jahrhundert v. Chr.
»tradierter Text« (Wang Bi) 226- 249 n.Chr.
Persönliche Daten:
Konfuzius: 551-479 v. Chr.
Mo Zi: ca. 480-390 v. Chr. Hauptgegenspieler des Konfuzius und seiner Schule
Lao Zi (Li Er, Li Dan): um 400 v. Chr. oder früher [unsere Vermutung].
Yang Zhu: Angesehen als Schüler Lao Zi's, da Yang Zhu u.a. durch die Kritik des Meng Zi (Meng Ke, Menzius, 372-289 v. Chr. ) bekannt ist, wären Yang Zhu's Lebensdaten vor 350 v. Chr. (etwa 400-350 oder früher) anzusetzen. Yang Zhu gilt in der Überlieferung als erster Ausformer eines daoistischen Gedankengebäudes. Seine Ideen sind nur indirekt aus Zitaten oder Kritiken bekannt. Unter seinem Namen (nicht unter dem Namen Lao Zi) wird eine philosophische Schule erwähnt im Zhuang Zi, die damit ebenfalls vor 300 v.Chr. zu datieren wäre.
Zhuang Zi: etwa 350-270, als Autor aktiv: um 300-280 v. Chr.
Han Fei Zi: 280?-233 v.Chr.
Zur Orientierung: Anfang und Mittelteil des Kapitels 38
- in englischer Übersetzung nach Henricks 1990/1991:
1-The highest virtue is not virtuous, therefore it truly has virtue
2-The lower virtue never loses sight of its virtue; therefore it has no true virtue
3-The highest virtue takes no action, yet it has no reason for acting this way;
4-The highest humanity takes action, yet it has no reason for acting this way
5-The highest righteousness takes action, and it has its reasons for acting this way;..
In unserer jeweils doppelten Übersetzung (Wei Maoping/Thomas Hoppe):
1a-Mit hoher Tugend ausgestattete Menschen negieren Tugend, eben deshalb haben sie Tugend.
1b-Hohe Tugend [heißt], diese Tugend zu negieren, dies eben ist Fülle von Tugend.
2a-Mit geringer Tugend ausgestatte Menschen klammern sich an ihre Tugend / eben deswegen sind sie ohne Tugend
2b-Geringe Tugend [heißt] sich von der Tugend nicht lösen zu können, dies eben ist Leersein von Tugend.
3a-Mit hoher Tugend ausgestattete Menschen sind frei von Handeln/ und sind auch frei von der Absicht zu handeln.
3b-Hohe Tugend [heißt] frei zu sein von Machverhalten, und frei davon zu sein, die Disposition zu solchem Machverhalten in sich zu entwicklen.
4a-Mit hoher Güte ausgestattete Menschen handeln / aber sind frei von der Absicht zu handeln.
4b-Hohe Menschlichkeit [heißt zwar] ein Machverhalten zu zeigen, [heißt] aber nicht, die innere Disposition zu solchem Machverhalten in sich zu entwickeln.
5a-Mit hohem Rechtlichkeitsgefühl ausgestattete Menschen handeln / und sind voller Absicht zu handeln.
5b-Hohes Rechtlichkeitsgefühl [heißt nicht nur], ein Machverhalten zu zeigen, sondern auch die Vorsätzlichkeit zu solchem Machverhalten in sich zu tragen.
Der Mittelteil von Kap. 38 beschreibt in der Folge einen gesellschaftlichen Korrumpierungsprozess, in dem Dao und De verloren gehen, ersetzt werden durch äusserliche Rechtschaffenheit, Befolgung der Riten, konfuzianische Ideale, die als (scheinbar) ethische Konzepte jedoch gerade die Degeneration der Gesellschaft herbeiführen. Unserer Analyse zufolge stammt dieser polemisch gegen den Konfuzianismus gerichtete Teil des Kapitels 38 vermutlich nicht vom Autor des Kerntextes. Allein das Verb shi1 (verlieren) wird anders gebraucht als im ersten Teil des Kapitels. Auch kann das dao4 nicht verloren gehen. Hier ist eine spätere Ergänzung/Verfälschung des Urtextes möglich/wahrscheinlich. Henricks (2000, S. 15) führt einen ähnlichen Fall anhand von Kap. 30 auf, das in den Guodian-Funden stark verkürzt ist.
Vorteile unserer Art der Darstellung im Vergleich zu gängigen Übersetzungen:
Ein mit unserem Darstellungsversuch verknüpftes Phänomen ist, dass die Struktur des Textes (seine Architektur) nicht durch die Übertragung in eine andere Sprache zerstört wird. Ein nicht zu unterschätzender Bestandteil der im Originaltext angelegten Aussage (der immer angenommenen Sinnbelastung des Textes durch den Autor) ist seine Struktur, die Konstruktion der Sätze, ihre Verknüpfung, ihr wechselseitiges Sich-Spiegeln, die sich auch in Alliterationen und Reimen ausdrückt. Dies lässt sich am Beispiel der Sätze 1 und 2, wie sie hier veröffentlicht sind, gut zeigen. Es führt unserer Meinung nach auf Irrwege, wie wir das der Gewohnheit nach tun, Satz eins zu lesen, dann Satz zwei, dann Satz drei und so weiter. Die einzelnen Sätze kehren nicht nur in sich zurück (wie wir das am Beispiel des Satzes 1 demonstrieren), sondern Satz 1 rekurriert auch auf Satz 2 und Satz 3 und so fort, und Satz 2 rekurriert auf Satz 1 und 3, um eine Aussage zu konstituieren. Natürlich rekurriert jeder einzelne Satz des gesamten Textes auf im Grunde jeden Satz des Gesamttextes (soweit er Urtext ist, hierzu weiter unten). So beschreiben, um nur ein Beispiel herauszugreifen, die Aussagen des Kapitels 15 der traditionellen Zählung in sehr anschaulichen Bildern (mit Gesten der Umsicht, Rücksichtnahme, Bescheidenheit gegenüber der Natur und der sozialen Umwelt), in anderer Form, was in Satz 1, 2 und 3 des Lao Zi in sehr abstrakter Form angelegt ist, und umgekehrt geben Satz 1, 2 und 3 Hinweise, wie Kapitel 15 zu verstehen ist. Wir können/müssen also wie in jedem guten philosophischen oder dichterischen Text jeden einzelnen Teil des Textes zu jedem anderen in Beziehung setzen. So erst entsteht das Gesamtbild, jenes Puzzle, das den Sinn des Textes Lao Zi konstituiert.
Wir haben uns, für die von uns bearbeiteten Kapitel, ein spezifisches, auf die vermutete Abfassungszeit des Lao Zi zugeschnittenes Lexikon erarbeitet, das sowohl die semasiologische Eben, als auch die Ebene der piktographischen Darstellung und der Etymologie (der zeitlich früheren Bedeutungen und des Bedeutungswandels) umfasst. Diese drei Ebenen sind in jedem Schriftzeichen (wenn wir die phonologische Ebene zunächst ausschliessen) gegeben. Der erste Fehler beim Übersetzen ist immer der, in ein Lexikon zu schauen (im Kopf oder in Buchform), das die Schriftzeichen als quasi zeitlose, piktographisch als `moderne' kaishu-Zeichen enthält.
Der Sinn des Lao Zi kann, wenn die Vermutung richtig ist, dass der Kerntext im ausgehenden 5. Jahrhundert/Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. entstanden ist, nur aus der Semantik dieser Zeit und den ihr historisch vorhergehenden Epochen hergeleitet werden. Es ist, um ein Beispiel zu nennen, für die Arbeit am Lao Zi nur bedingt möglich, auf das Shuo Wen Jie Zi zurückzugreifen, obwohl es das etymologische Standardwerk Chinas ist, es ist sehr viel später als der Text des Lao Zi verfaßt worden (im 1. Jh. v. Chr.).
Ein weiteres Phänomen, das mit unserer Darstellungsweise verknüpft ist, ist eine Art Aufforderung zur langsamen Rezeption, zur gedehnten Wahrnehmung des (Original-)Textes. Eine Übersetzung des Kapitels 38 des Lao Zi »liest man mal eben so durch«. Es bleibt dabei zwar etwas haften beim Leser oder Interpreten. Aber wieviel? Z.B. geht die kontextabhängige Bedeutung der Negationen wu2 und bu4, wie sie in Satz 1 und 2 auftauchen, bei einer übereilten, oberflächlichen Rezeption durch eine Übersetzung verloren. Die Negationen, häufig die bewegenden Elemente der Sätze, als »Momente der Aufhebung«, des »Sich-Entziehens« des Autors oder der Herstellung von Paradoxien sind im gesamten Lao Zi von fundamentaler Bedeutung.
Weiter: Rhythmus, Reim und Alliteration, die auch als mnemotechnische Hilfsmittel dienten, aber auch den Text gliedern und ihm ästhetischen Reiz verleihen, bleiben beim Lesen des Textes selbst wenn wir ihn im modernen Mandarin lesen - erhalten.
Der unserer Meinung nach fundamentale Unsinn einer einfachen Übersetzung ist, dass jedem chinesischen Schriftzeichen im Originaltext eine vorgeblich exakte Entsprechung, eine eindeutige Bedeutung in der Zielsprache der Übersetzung zugeordnet wird. Die in der Zielsprache gewählten Entsprechungen können natürlich je nach Kontext verschieden sein, aber sie erwecken, so wie sie im übersetzten Text erscheinen, immer die Illusion, es sei möglich mit Hilfe eines deutschen oder englischen oder modernen chinesischen Wortes das oft sehr weite Bedeutungsfeld, das ein altes Schriftzeichen/Wort aus der Zeit des 4./5. Jahrhunderts v. Chr. belegte, mithilfe eines deutschen Wortes zum Ausdruck bringen zu können. (siehe dazu die Bemerkung im oben angeführten Werk von Ames und Hall, 2003, S. 56 )
Jedes Schriftzeichen/Wort des klassischen Chinesisch belegt semasiologisch eine bestimmte Position, seine Bedeutung bezieht es nicht nur aus sich selbst, sondern auch aus den semantischen Feldern anderer Schriftzeichen/Wörter, mit denen es in einem sprachlichen und sozialen, historischen Kontext steht. So steht de2 (»Tugend«, »Moral«, »Macht«, »Energie«;.) in einer strukturellen Opposition zu zahlreichen anderen Schriftzeichen/ Worten, die im gesellschaftlichen Diskurs der Abfassungszeit und der vorhergehenden Zeit gebräuchlich waren. Die antikonfuzianische Kritik, Kritik an Schriftzeichen/Worten/Begriffen wie li3 (»Ritual«) oder ren2 (»Menschlichkeit«-»Güte«), die im Diskurs der Zeit eine bedeutende Rolle spielten, versuchen (den Urtext verändernd) nicht zufällig dieses Feld struktureller Oppositionen abzustecken.
Man kann sich darüber streiten, ob das Schriftzeichen de2 zur Abfassungszeit des Lao Zi noch die Urbedeutung »aufsteigen«, »nach oben gerichtete Bewegung« keimhaft in sich trug, ob es noch als bildhafte Schreibung empfunden wurde, oder ob es bereits zu einem wesentlich phonetischen Zeichen mit einem nurmehr abstrakten semantischen Wert geworden war. Wir wollen das nicht entscheiden, wir geben die unserer Meinung nach mitschwingenden, auf andere, auf einen erweiterten semantischen Gehalt hinweisenden, verdeckten oder nicht verdeckten Nuancen der Schriftzeichenbedeutung mit an. Natürlich ist es nötig, über zentrale Begriffe wie de2 ausführlicher zu diskutieren als es hier geschehen kann. (Vgl. etwa die Kommentierung des Begriffes de2 in Ames/Hall 2003 S. 59-61, oder z.B. M. Granet: Die chinesische Zivilisation, München, dtv, 1980. S. 113-116).
Wichtig ist es unserer Meinung nach, den Originaltext auch in der Schriftform der vermuteten Abfassungszeit zu rezipieren, was ja normalerweise nie geschieht, da alle originalen Ausgaben des Textes in Langzeichen (kaishu) oder in der VR China sogar in Kurzzeichen wiedergegeben werden. Die Lektüre der Originalfunde, also der Mawangdui-Texte oder der Guodian-Texte ist bereits hilfreich (siehe unsere jeweilige Zeile 4 von oben gezählt, die den Mawangdui Text »a« wiedergibt), besser ist jedoch die Lektüre der jeweiligen Zeile 5, d.h. der Grossen-Siegelschrift-Formen, die etwa der Schriftzeichenform der Abfassungszeit des Lao Zi entspricht. Dabei handelt es sich um eine Rekonstruktion unsererseits, da ja ein Text aus der Zeit um 400 v.Chr. oder früher bislang nicht gefunden wurde.
Die Sätze des Lao Zi sind oft auch Anregungen/Mahnungen, die Sprache selbst zu hinterfragen (so wie auch in Kap. 15 oder in Kap. 1)
Den Rezeptionsvorgang durchsichtiger machen
Wir versuchen durch diese zugegebenermaßen sehr aufwendige Methode der Darstellung, auch den Rezeptionsvorgang als Ganzen durchsichtiger zu machen.
Wir wollen nicht nur den heutigen Rezeptionsvorgang des Textes durchsichtiger machen ( »Was spielt sich zwischen diesem alten Text und uns ab?«), sondern natürlich gerade auch den historischen Rezeptionsvorgang der Abfassungs- oder »Publikations«zeit. Wir wollen nachvollziehen, wie hat ein Chinese (eine Chinesin) im 4. Jh. v.Chr. diesen Text aufgefasst, welchen Sinn hat er ihm entnommen?
Die Ebene der etymologischen Darstellung und Interpretation hat im Chinesischen eine andere Wertigkeit als etwa in den nur mit phonetischen Zeichen arbeitenden indoeuropäischen Sprachen. Auch für das Deutsche ist umstritten, wie sich Lautung und Bedeutung einzelner Worte gewandelt haben. Ebenso im Chinesischen. Wir können natürlich auf dem beschränkten Raum des Blattes, der für die Erläuterung der Bedeutungsentwicklung zur Verfügung steht, die lebhafte Diskussion in der chinesischen Philologie und Etymologie nicht wiedergeben. Wir versuchen aber, die Diskussionen und Widersprüche bei der Analyse der Bedeutungsveränderungen nicht auszuklammern, wir geben sie in beschränktem Umfang wider.
Im Chinesischen sind die graphische Entwicklung der Schriftzeichen oder ihr je historisches graphisches Dasein und die Entwicklung der Bedeutung miteinander verknüpft, auch wenn die eine (die graphische) nicht logisch aus der Entwicklung der Bedeutung abgeleitet werden kann und umgekehrt. Die Ebene der Lautung und ihre historische Entwicklung behandeln wir nicht, dies wäre ein ganz eigenständiges komplexesThema, wir lesen die Schriftzeichen im modernen Beijing-Dialekt (Mandarin) (Henricks 2000 geht in einigen Fällen zur lautlichen Rekonstruktion. Das Chinesische diente als Schriftsprache immer auch dazu grosse Dialekt-Unterschiede zu überbrücken, insofern wurde der Text des Lao Zi, wenn rezitiert, je nach Region und Dialektvariante ganz anders "realisiert". Wer sich Textteile des Lao Zi heute von einem Bewohner Wenzhou's in Zhejiang, einem Hakka in Fujian, einem Kantonesen oder einem Bewohner Beijings vorlesen lässt, kann die Unterschiede in der phonetischen Realisierung, wie sie in anderer Form auch historisch bestanden, nachempfinden.
Einheitlichkeit und Uneinheitlichkeit des Lao Zi als Gesamttext und die Frage der Autorenschaft
Das Buch Lao Zi ist in der uns vorliegenden historisch überlieferten Form, d.h. in der `vollständigen' Form, wie sie die Mawangdui-Texte repräsentieren (der Unterschied zwischen dem tradierten Text und den beiden Mawangdui Texten ist - grob gesprochen - nicht sehr gross) durch eine Uneinheitlichkeit gekennzeichnet. Textteile, die man einem »daoistischen« (zur vermuteten Abfassungszeit gab es natürlich noch keine daoistische Schulrichtung), nicht-konfuzianischen, aber auch antilegalistischen, antietatistischen Autor zuschreiben kann, sind in ein Buch vereinigt, die stark legalistisch oder konfuzianisch angehaucht sind. Die deutlich antietatistische Variante, die verbunden ist mit der Wertschätzung des eigenen Lebens und einem Rückzug aus oder Kritik an staatlichen »Geschäften« kann evtl. der von Yang Zhu begründeten Schule zugeschrieben werden.
Daneben gibt es Textstellen, die eher kommentierenden Charakter haben, sich aber dem »daoistischen« Denkweg des Hauptautors verbunden fühlen, jedoch nicht das Niveau, die geistige Schärfe oder den Bilderreichtum aufweisen wie der angenommene Urtext. Daneben gibt es Textstellen deutlich konfuzianischen Inhalts. Man hat nicht ganz zu Unrecht die in Mawangdui gefundenen beiden Texte in der Volksrepublik zunächst als dem legalistischen Gedankengut nahe stehende Militärhandbücher oder Fürstenspiegel, d.h. als Anweisungen für die Herrschaftsausübung, verstanden.
Die Guodian-Funde geben, gerade weil sie einen scheinbar `unvollständigen' Text repräsentieren, der Vorstellung Auftrieb, dass um 300 v. Chr und früher ein kürzerer, noch nicht verfälschter, noch nicht durch Konjekturen verunstalteter Text des Lao Zi in Umlauf war. Tatsächlich sind die Guodian-Texte (insbesondere Guodian A) weitgehend widerspruchsfrei. Eindeutiger `daoistisch'. Die Abfolge der Textabschnitte ( wenn man die Kapitelabfolge des tradierten Textes zugrundelegt) ist völlig anders. Der chinesische Wissenschaftler Guo Yi hat daher aus den Guodian-Funden die mutige These abgeleitet, der Guodian Lao Zi sei der unverfälschte Urtext des Li Er, Li Dan, während der Text, wie er in den Mawangdui-Texten erscheint, das Produkt von Ergänzungen eines gewissen Dan aus dem Staat Zhou (um 370 v. Chr.) sei. Dieser habe wahrscheinlich die legalistischen Teile, die die Kunst des Herrschens beschreiben, in den Urtext eingefügt. (Hier nach Henricks 2000, S.20-21, siehe Guo Yi: Cong Guodian Chujian Lao Zi kan Lao Zi qi ren qi shu, in: Zhexue Yanjiu 7.1998: 47-55)
Wir gehen davon aus, dass inm Gesamttext (im Unterschied zu den Guodian-Texten) mindestens drei Autoren (evtl. vier oder mehr) erkennbar sind. Um aber den Urtext eines in Anführungsstrichen »daoistischen« - Hauptautors, den man auch im Kontext der evtl. Yang Zhu zuzuschreibenden Äusserungen betrachten sollte, zu konstituieren, bedürfte es einer sehr eingehenden inhaltlichen, aber auch stilistischen Analyse, vor allem aber der eingehenden Analyse der Struktur des Textes, seiner »Architektur«, wie wir sie hier an Satz 1 und 2 vorführen. Die Frage der Autorenschaft (eines vorstellbaren Urtextes) ist mit diesem Problem der Konjektur (Konjektur hier verstanden als eine vom Kommentator, Editor, Kopisten als notwendig oder sinnvoll empfundenen Ergänzung eines nur schwer verständlichen oder ganz kryptischen Textes) durch nicht echte, den eigentlichen Urtext korrumpierende Textteile eng verbunden. Die wenigen biographischen Angaben, die es in historischen Werken über den Autor des Lao Zi (auch Lao Dan, Li Er) gibt, werden ergänzt durch das, was der Autor des Lao Zi über sich selbst im Buch Lao Zi sagt. Man betrachtet in den philologischen Arbeiten über den Lao Zi diesen Text selbst noch zu wenig als ein autobiographisches Werk. Ein autobiographisches Werk kann es natürlich auch nur dann sein, wenn es gelingt, die verfälschenden legalistischen, kommentierenden und konfuzianischen Elemente des Gesamttextes (d.h. der Mawangdui-Texte) - die Konjekturen die sich im Laufe der immer wiederholten Re-Edition des Urtextes an den Kerntext angelegt haben, zu entfernen. Nur dann entsteht vor uns eine in sich stimmige Persönlichkeit des Autors.
Für die kommentierenden oder korrumpierenden Konjekturen zum Urtext gilt, dass durch ihre Inkorporation, die »Wechselseitigkeit der Sätze«, ihre gegenseitige Beschreibung und Erklärung (innerhalb des Urtextes), wie oben angeführt, nicht funktioniert. Sie, die konjekturalen Textteile rufen unlösbare Widersprüche gegenüber dem Urtext hervor.
Wir wollen uns nicht von vornherein, wie es Ames/Hall; Henricks und D.C. Lau tun, von der Vorstellung verabschieden, dass es den einen Autor des Kerntextes gibt.
D.C. Lau z.B. wies schon in seiner oben erwähnten Ausgabe des Lao Zi von 1963, die noch auf der Wang Bi Fassung beruhte, auf dieses Problem hin (D.C. Lau 1976, S. 163 ff.). Er teilte schon 1963 den Gesamttext in verschiedene kleinere Abschnitte, die in sich jeweils einigermassen geschlossen erscheinen oder mit Textstellen an ganz anderer Position im Gesamttext in einem engen inhaltlichen Zusammenhang stehen.
Zum Entstehen von Konjekturen sei angemerkt, dass auch im heutigen China (Mainland) sehr kritische, system-kritische, politisch brisante Texte, die versuchen eine andere Sichtweise (gegenüber der offiziellen oder staatlichen) zu etablieren, sich oft eines einfachen Tricks bedienen: Man schreibt z.B. den Anfang oder auch den Ausklang des Textes in einem ganz partei- und staatsergebenen, scheinbar »positiven« Duktus, während der Hauptteil des Textes die völlig konträren, kritischen, ja ironisierenden, unflätigen Teile mit vernichtender Kritik enthält. Der Autor schützt sich damit (ein wenig) vor Kritik von seiten der Herrschenden, da er ja an entscheidenden Stellen seines Textes seine Loyalität gegenüber eben diesen Herrschenden bekräftigt hat. So mag, um zu Lao Zi zurückzukehren, um den Text im 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. öffentlich zirkulieren zu können, hier und da ein bei den Zensoren Gefallen erregendes Kapitel oder ein kommentierender Abschnitt eingefügt worden sein, oft, möglicherweise um den Rest des Textes zu retten und unter das Publikum zu bringen. Für den Zeitgenossen war unschwer erkennbar, was die eigentliche Meinung des Autors und was erzwungener geistiger Kotau ist.
Der Aufbau der Blätter:
Die grundlegende Aufteilung der Blätter ist eine Kommentar-Spalte rechts und der Text selbst mit Kommentaren links. Die versuchsweise und nur als Hilfsmittel zu verstehende Übersetzung befindet sich ganz am untersten Rand links. Wir geben jeweils zwei mögliche Übersetzungen. Über den beiden grammatikalischen Übersetzungsversuchen, eine Zeile mit einfachen grammatischen Hinweisen und darüber eine Zeile mit einer interlinearen, agrammatischen Übersetzung. Die Darstellung des Textes (horizontal von links nach rechts zu lesen) beginnt links oben - in der heutigen graphischen Form (in Langzeichen), dann absteigend zu den immer älteren Schriftzeichenformen.
Bei vertikaler Lesung (erliest man die Kommentierung piktographische Entwicklung oben, semasiologisch-etymologische Entwicklung unten - eines Schriftzeichens). D.h. von oben nach unten betrachtet hat man die Entwicklung des Schriftzeichens rücklaufend von der Gegenwart zu den immer älteren Formen vor sich und es folgt dann, unterhalb der ältesten Schriftformen (Orakelknochen und Schildkrötenpanzer = O-Formen) der etymologisch-semasiologische Kommentar. Wir bringen keine »modernen« Zeichenbedeutungen nach dem 3. Jahrhundert v.Chr. Unsere etymologisch-piktographische Analyse, die wir geben, geht - von oben nach unten gelesen - von den ältesten greifbaren Bedeutungen und Piktogrammen aus und endet bei der Bedeutung der vermuteten Abfassungszeit.
Die Klassifikation der Schriftzeichen entsprechend dem von Xu Shen geprägten Schema sind:
Bildschreibung, Symbolschreibung, Ideenverbindung, phonetisches Zeichen, semantisch-phonetisches Zeichen, Lehnschreibung. Es gibt aber auch Übergänge von der einen zur anderen Form im Laufe der Schriftzeichenentwicklung.
Das Lesen der Sätze des Originaltextes geschieht horizontal von links nach rechts, oben beginnend (moderne Schriftformen kaishu und vereinfachte Schriftzeichen der VR China) bis zur Zeile 5 Grosse Siegelschrift (Schriftform der vermuteten Abfassungszeit).
Die Entwicklung der Schriftzeichenformen:
Die etymologisch-piktographische Darstellung geht von den Orakelknochen und Schildkrötenpanzer-Formen (O-Formen) aus und versucht eine Urbedeutung ( U ) zu bestimmen, die sich dann zum Teil über Zwischenstufen (Schriftzeichen auf Bronze-Gefäßen, B-Formen ) zur Bedeutung der von uns vermuteten Abfassungszeit des Lao Zi Urtextes (etwa 500-400 v.Chr.) in den Schriftformen der großen Siegelschrift (gS), spätere Bedeutungsinhalte haben wir nicht berücksichtigt. Die Schriftform der großen Siegelschrift ist also diejenige, die mit dem semantischen Gehalt eines Schriftzeichens zur vermuteten Abfassungszeit des Lao Zi zusammen geht (5. Zeile von oben). Diese Schriftformen sind, da für unseren Zweck aus den verschiedensten etymologischen Handbüchern entnommen und zusammengestellt, vom ästhetischen Erscheinungsbild her wenig einheitlich, dasselbe gilt auch für die noch älteren O-Formen. Unnötig zu betonen, dass wir eine subjektiv geprägte Auswahl zwischen zahlreichen graphischen Varianten treffen mussten. Die Schriftform LZa ( das heißt Mawangdui-Text a des Lao Zi), in der 4. Zeile von oben, ist eine der (insgesamt zwei) heute verfügbaren Mawangdui-Versionen des Lao Zi. Sie ist sehr ästhetisch durchgeformt. Die kleine Siegelschrift (kS, dritte Zeile von oben), ebenfalls bereits eine genormte Schriftform, stellt eine Übergangsform zur noch heute gebräuchlichen Schriftform der nicht vereinfachten Schriftzeichen dar.
Die Siglen wie GM = Gao Ming, KY = Kang Yin usw. bezeichnen einzelne etymologisch-piktographische Handbücher.
Kurze Zusammenfassung: die etymologisch-piktographische Darstellung und das Verweilen im Original-Text
- eine Ablösung des Lesenden (Rezipienten) vom Originaltext soll weitgehend vermieden werden, sofern eine Ablösung durch das vorübergehende »Übersetzen« ( wie oben beschrieben) stattfindet, kehrt der Rezipient zum Text zurück;
- die einzelnen Sätze werden langsam und intensiv wahrgenommen, man kann/ sollte den Lao Zi nicht überfliegen;
- jeder einzelne Satz (sofern wir ihn dem Urtext zuordnen können) beschreibt, interpretiert, ergänzt auch die anderen Sätze des Urtextes;
- Die Architektur der Sätze des Originaltextes wird (wenn das Übersetzen unterbleibt) nicht zerstört;
- Die semantische und die piktographische Ebene des Textes, die im Original gelesen eigentlich vorhanden ist, wird erläutert; wir müssen, um zum Verständnis des Textes zu kommen, in der gegebenen Verschmelzung der bildlichen und der semasiologischen Ebene bleiben;
- Es ist deshalb notwendig, einen Text der vermutlich im 5./4. Jahrhundert v. Chr verfasst wurde, in der Schriftzeichenform dieser Epoche wiederzugeben und zu lesen. (Was wir hier bieten können, ist natürlich nur eine Rekonstruktion. Die derzeit älteste Schriftform wäre jetzt die der Guodian-Funde, die uns 1996 noch nicht zur Verfügung stand.)
Welcher chinesische Text liegt unserer Darstellung zu Grunde?
Wir sind der naheliegenden Vorgehensweise gefolgt, die beiden Texte Mawangdui »a« und »b«, die beide Lacunen aufweisen, miteinander zu ergänzen, so wie es in jüngeren chinesischen Ausgaben gemacht wird ( zuerst in: Lao Zi . Mawangdui Han mu bo shu (Mawangdui Han mu bo shu zhengli xiaozu, ed., 1976, Beijing, Wenwu Chubanshe); dann auch Henricks 1989 folgende, s.o., den wir oft bei der Konstitution des Textes zu Rate gezogen haben.
Benutzung der Texte per Internet. Bestellung von Kopien in DIN A2
Beide Blätter (Satz 1 und Satz 2) sind auf dem Bildschirm lesbar. Durch Klicken auf das jeweilige Blatt kann es vergrößert werden, der Leser befindet sich dann in der oberen linken Ecke des Textes. In der kleinen Version sind nur die chinesischen Zeichen erkennbar. Wenn Sie eine hard copy der Sätze 1, 2 und 3, die von besserer Qualität sind als die ins internet gestellten Scans, erwerben möchten, kann das über die mail-Adresse: thomaria @yahoo.de (bitte vermerken Lao Zi !) geschehen. Ich versende die drei Blätter im DIN A 2 Format zum Selbstkostenpreis (plus Versandkosten) per Nachnahme. Wir hoffen, an den Texten weiter arbeiten zu können. 1996 haben wir die Kapitel 38, 39, 40, 42, 1, 2 u.a. bearbeitet.
Mai 2006